KONSUMENT.AT - Zahnfüllungen - Interview Prof. Roulet

Zahnfüllungen

Von Gold bis Amalgam

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Konsument 2/2004 veröffentlicht: 14.01.2004

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„Zahnärzte sind große Individualisten“

Interview mit Prof. Dr. med. dent.  Jean-François Roulet

  Dr. Jean-Francoir Roulet (Foto: Roulet)  Prof. Roulet war langjähriger ärztlicher Leiter des Zentrums für Zahnmedizin, Abteilung für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin an der Humboldt-Universität Berlin; er ist Autor der Tabelle „Füllungsmaterialien im Vergleich“ des Ratgebers "Zähne" (hrg. von Verein für Konsumenteninformation und Stiftung Warentest); seit Herbst 2003 Bereichsleiter Forschung & Entwicklung/clinical bei Ivoclar Vivadent (ein internationales Unternehmen zur Herstellung zahnärztlicher Materialien).

Welche Moden, welche Trends?

Konsument: Vor 5 bis 10 Jahren war Laser ein heißes Thema in der Zahnmedizin - und in den Medien, vor drei, vier Jahren das Anti-Karies-Gel Carisolv ... Auch in der Zahnmedizin gibt es Moden. Welche Trends bei Füllungsmaterialien sind in den USA und Deutschland derzeit aktuell?

Roulet: Ich halte nichts von Moden in einem wissenschaftlich basierten Fach. Trends ergeben sich aus dem Wissenszuwachs, der sich in der Zahnmedizin, wie auch in der Medizin in veränderter Betrachtungsweise und in verbesserten Therapieverfahren niederschlägt. Der grösste Wandel in der Zahnmedizin ist durch die Einsicht geprägt, dass es die Natur immer noch am besten macht. Dank der Möglichkeiten der Adhäsivtechnik (Anmerkung der Red.: Zahnarzt raut die Oberfläche der gebohrten Höhlung auf und verankert die eigentliche Füllung mittels Spezialkleber fest im Zahn – das ist eine zuverlässige Verbindung zwischen Zahnhartsubstanz und Füllung) hat sich die minimal invasive Zahnmedizin etabliert (Anmerkung der Red.: maximaler Zahnerhalt durch verstärkte Vorsorge und möglichst kleine Reparaturen).

Maximaler Zahnerhalt

Früher orientierte sich das Anfertigen einer Füllung vor allem an den Eigenschaften des Materials – wichtig waren da Schichtdicke, Kantenfestigkeit, mechanische Daten usw. Da musste man beim Legen von Füllungen relativ viel gesunde Zahnhartsubstanz entfernen. Mein Kollege Prof. Vitus Stachniss von der Abteilung für Zahnerhaltung an der Universität Marburg meinte einmal: „Der Zahnarzt zerstört mit der Turbine in Sekunden mehr gesunde Zahnhartsubstanz als die Karies in Monaten oder gar Jahren schafft“.

Defekt steht im Mittelpunkt

Heute orientiert sich das Vorgehen am Defekt. Es wird gerade soviel Zahnhartsubstanz entfernt, dass der Defekt zugänglich wird. Nach Entfernung des kariösen Gewebes versorgt der Zahnarzt den Defekt mit Komposit und Adhäsivtechnik.

Eine weitere Verbesserung der letzten Jahre ist die Möglichkeit wirklich zahnfarben und zahnähnlich zu versorgen. Die neuen Kompositmaterialien entsprechen in der Lichtdurchlässigkeit jener der Zahnhartgewebe, außen der Schmelz und innen das Dentin. Mit der richtigen Technik, also Schicht um Schicht, kann man „unsichtbare“, d.h. nicht als solche erkennbare Füllungen herstellen. Allerdings erfordert das entsprechendes Können des Zahnarztes und genügend Zeit. Dass das auch nur mit einer perfekten Adhäsivtechnik funktioniert, ist selbstverständlich.

Was sind die typischen Fehler?

Konsument: Gibt es bei beim Legen von Füllungen typische Fehler, die Zahnärzte immer wieder begehen?

Roulet: Das Nichtbefolgen der Gebrauchsanweisung. Zahnärzte sind grosse Individualisten, die gerne „eigene“ Verfahren entwickeln. Dabei ist aber nicht gesichert, dass das Resultat das vom Material her Bestmögliche ist. Leider ist es so, dass der von den Kostenträgern (Anmerkung der Red.: Krankenkassen) auferlegte Druck die Kollegen zu „Abkürzungen“ zwingt, wenn sie nicht rote Zahlen schreiben wollen.

Beschädigt das Bleichen die Füllungen?

Konsument: Können die Mittel, die zum Bleichen von Zähnen eingesetzt werden auch intakte Füllungen beschädigen oder den Randspalt zwischen Füllung und Zahn vergrößern?

Roulet: Grundsätzlich sollte das Bleichen von Zähnen nur unter Kontrolle des Zahnarztes erfolgen. Dann ist gewährleistet, dass sie nicht überbleicht werden – das hätte entsprechende ästhetische Einbussen zur Folge. So nähme etwa die Transparenz des Zahnschmelzes ab. Die gängigen Füllungsmaterialien lassen sich nicht bleichen. Sie werden auch nicht durch die Bleichmittel beschädigt. Bleichmittel können hingegen Zemente angreifen (Anmerkung der Red.: als Befestigung für Kronen). Daher ist bei überkronten Nachbarzähnen Vorsicht geboten.

Galvanisches Element – Strom im Mund

Konsument: Manche Patienten tragen gleichzeitig Goldinlays und Amalgamfüllungen im Mund. Ist das für die Mehrheit der Patienten tatsächlich eine Gesundheitsbelastung wie manche Zahnärzte immer wieder behaupten („da gibt es ein edles und ein unedles Metall, zwischen denen fließt Strom und der löst das unedlere Material aus der Füllung und das ist nicht so günstig“). Oder ist der Hinweis auf dieses sogenannte galvanische Element zwar sachlich richtig aber für die überwiegende Mehrheit der Patienten ohne gesundheitliche Bedeutung?

Roulet: Eine uralte Fragestellung. Der Hinweis ist in der Theorie richtig, in der Praxis ist die Sache unbedeutend, da nur bei grossen Unterschieden relevante Ströme fliessen könnten. Beim Amalgam passiviert die Oberfläche aber sehr schnell, d.h. es bildet sich eine Oxydschicht und die wirkt wie ein Isolator. Die Schicht kann allerdings auch weggescheuert werden, z.B. wenn sich die Zähne bewegen. Das hätte zur Folge, dass auf Grund der Potentialdifferenz dann doch Strom fliesst. Das geschieht bei allen nicht edlen Legierungen in „Kontakt“ zu Goldlegierungen.

Außerdem: Es gibt recht grosse individuelle Unterschiede in der Empfindlichkeit. Was einen Patienten nicht stört, kann beim anderen durchaus Beschwerden verursachen.

Nur eine einzige Legierung?

Konsument: Manche Zahnärzte empfehlen – Stichwort „Strom im Mund“ - eine einzige Legierung im Mund zu verwenden. Ist das für den Patienten sinnvoll und empfehlenswert?

Roulet: Bei mehreren verschiedenen Goldlegierungen in einem Mund sind die Unterschiede so gering, dass das Phänomen vernachlässigbar ist.

Wie werden neue Materialien vor dem Verkauf getestet?

Konsument: Werden neue Füllungsmaterialien (bzw. neue Varianten bekannter) vor dem Einsatz am Patienten ausreichend getestet? An wie vielen Patienten - 10, 50, 500, über welche Zeiträume und zu welchen Konditionen? Was ist hier üblich?

Roulet : In der EU gelten Füllungsmaterialien als Medizinprodukte. Somit wird deren Anwendung und Zulassung durch das Medizinproduktegesetz geregelt. Für Füllungsmaterialien muss das CE Zertifikat erteilt werden, was der Hersteller selber tun darf, sofern er von einer befugten Institution (z.B. TÜV) zertifiziert wurde. Diese Fähigkeit wird mit sogenannten Audits periodisch überprüft. Klinische Studien sind nicht zwingend vorgeschrieben, sondern der Hersteller muss eine klinische Bewertung vornehmen, d.h. er muss nachweisen, dass das Produkt seinen Zweck erfüllt, ohne zu schaden.

Klinische Studien nicht zwingend vorgeschrieben

Obwohl das klinische Verhalten (Anmerkung der Red: im Mund des Patienten) von Füllungsmaterialien sehr stark von der Art und Weise der Verarbeitung durch den Zahnarzt abhängt, lassen seriöse Hersteller vor der Verkaufsfreigabe klinische Studien durchführen. Die Anzahl zu beurteilender Restaurationen hängt sehr von der Grösse der Unterschiede zur Kontrollgruppe, die man nachweisen will, ab. Je weniger sich das neue Material von einem Standardmaterial unterscheidet, desto mehr Restaurationen (Anmerkung der Red.: Füllungen) muss man in der Untersuchung prüfen. Üblicherweise werden mit neuen Materialien 2 bis 4 klinische Studien durchgeführt. Die sind so angelegt, dass nach 3 Jahren je Studie noch mindestens 30 Restaurationen (Anmerkung der Red.: Füllungen) zur Beurteilung vorhanden sind. Solche Studien werden meist auf mehrere Jahre angelegt In der Regel wird aber nach einem Jahr Liegedauer über die Verkaufsfreigabe entschieden.

Je neuer, desto gründlicher

Diese Entscheidung erfolgt im Kontext des gesamten Wissens über das Material und seine Eigenschaften. Je deutlicher sich ein „neues“ Material von herkömmlichen Materialien unterscheidet, umso ausführlicher und gründlicher erfolgen die wissenschaftlichen Abklärungen und somit auch die klinischen Studien. Auf Grund der Produkthaftung haben alle Hersteller grosses Interesse nur sichere Materialien auf den Markt zu bringen.

Gold- und Keramikinlays für Kinder?

Konsument: Gibt es bestimmte Füllungsmaterialien, die besonders für Milchzähne und frühe bleibende Zähne geeignet sind? Sind Goldfüllungen/-inlays bzw. Keramik bei Kindern (8 - 14 Jahre) sinnvoll?

Roulet : Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Das Wesentliche in der Behandlung ist deren Kooperationsbereitschaft und Ausdauer, die sicherlich sehr altersabhängig ist. Je jünger das Kind, umso schwieriger ist es komplizierte Verfahren anzuwenden. Deshalb haben sich hier schnelle und einfache Techniken durchgesetzt. So sind z.B. Kompomere bei Milchzahnfüllungen sehr erfolgreich.

Beim Kind auf Vorsorge setzen

Auch hier gilt: Der Zahnarzt hat den grössten Einfluss. Nebenbei bemerkt: Gerade beim Kind hat man noch alles in der Hand, Karies zu verhindern. In der Regel brechen Zähne gesund in die Mundhöhle durch (mit Ausnahme von angeborenen Defekten). Wir haben das Wissen, wie wir Zähne mit richtigem Verhalten, also mit Prophylaxe gesund erhalten können. Goldfüllungen bzw. Keramikinlays an Milchzähnen halte ich für eine Übertherapie.

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