KONSUMENT.AT - Nachhaltigkeit: Gelebte Utopien - Politische Strukturen

Nachhaltigkeit: Gelebte Utopien

Interview mit Kurt Langbein (Filmemacher)

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KONSUMENT 5/2018 veröffentlicht: 09.04.2018

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KONSUMENT: Vielfach wird vom mündigen Konsumenten gesprochen, der das Züngelchen an der Waage ist, wenn es um die großen Entscheidungen in den Konzernzentralen der Konsumgüterproduzenten dieser Welt geht. Ist es eine Utopie, das zu glauben?

Langbein: Ich glaube, dass es die Macht der Konsumenten gibt. Insofern ist der mündige Konsument auch ein verantwortlicher Konsument, der sich drum kümmern sollte, was er da kauft. Aber das hat natürlich Grenzen. Und die liegen in der Wachstumslogik des Kapitalismus. Es müssen einfach immer mehr Waren hergestellt und an die Leute gebracht werden, sonst überlebt das System nicht. Als Weltbevölkerung werden wir nicht mehr lange mit diesem Wachstum leben können. Also sind wir gut beraten, auch über Alternativen nachzudenken. Wir verbrauchen die Ressourcen der Erde derzeit zweimal. Das kann so nicht weitergehen. 

KONSUMENT: Aber ist es nicht vielmehr die Realität, dass man als Konsument nach einem langen Arbeitstag, nach Kinder- und Altenbetreuung, nach Hausarbeit & Co nicht auch noch Zeit hat, jede Konsumentscheidung dreimal auf ihre Nachhaltigkeit hin zu hinterfragen?

Langbein: Ich teile diese Einschätzung, dass wir immer weniger Zeit haben, nicht. Im Gegenteil. Wir haben noch nie so viel Freizeit gehabt wie heute. Es geht darum, dass wir mit dieser Zeit etwas Vernünftiges anfangen. Wir schaffen uns unsere Zeitzwänge zu einem großen Teil selbst. Aber es ist natürlich kein Bild der Zukunft, dass jeder Konsument bei jeder Kaufentscheidung darüber reflektieren muss, ob es eine vernünftige ist oder nicht. Es wäre ja viel zielführender, eine Struktur zu haben, die verlässlich eine Versorgung gewährleistet, wo zumindest die schlimmsten Auswüchse nicht passieren. 

KONSUMENT: Müsste die Politik viel entschlossener und rigoroser vorgehen?

Langbein: Ja, unbedingt. Die Rahmenbedingungen werden von der Politik gestaltet, vor allem auch international. Sie ermöglichen es Großkonzernen, sich die Sachen dort zu holen, wo sie gerade am billigsten sind. Das ist sozial unverantwortlich, das ist ökologisch unverantwortlich. Gerade auch auf Ebene der EU wäre viel zu ändern. Es ist auch kein Naturgesetz, dass europäisches Kapital dort eingesetzt werden darf, wo Menschenrechte verletzt werden und die Ökologie missachtet wird. Das ließe sich ändern. 

KONSUMENT: Geht es darum, sich als Konsument zurückzunehmen? 

Langbein: Ja, wir brauchen einen anderen Umgang mit Konsumgütern und mit Mobilität. Ich glaube, dass eine neue Sesshaftigkeit ein Gebot der Stunde ist. Weil allein die Flugreisen in einem Ausmaß zum Klimawandel beitragen, das überhaupt nicht mehr zu verantworten ist. Wir müssen uns langsam daran gewöhnen, dass wir nicht zu günstigsten Konditionen dreimal rund um den Erdball fliegen. Und dann fällt uns auf, dass wir zu wenig Zeit haben, uns selbst ein Essen zu kochen. Wir müssen wieder dazu kommen, dass wir uns mit Lebensmitteln weitestgehend regional versorgen. Davon sind wir noch weit entfernt. Die Agrarstrukturen und die Agrarpolitik der Europäischen Union führen leider noch immer in die diametral andere Richtung. Da sind wir als Wähler, als aktive Bürger gefragt. Das Gute: Es sind durchaus Entwicklungen im Gang. Österreich hat eine unglaubliche Dichte an Food-Coops, wo die Leute versuchen, sich zumindest das Obst und Gemüse selber aus der Umgebung zu beschaffen, und dafür mit Bauern kooperieren. Da gibt es etliche Hundert davon. Das zeugt von einem Bedürfnis.

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