KONSUMENT.AT - Nachhaltigkeit: Gelebte Utopien - Mehr Respekt und persönlicher Austausch

Nachhaltigkeit: Gelebte Utopien

Interview mit Kurt Langbein (Filmemacher)

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KONSUMENT 5/2018 veröffentlicht: 09.04.2018

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KONSUMENT: Jetzt geht es also darum, diese Geschichte auch jenen Konsumenten zu erzählen, die von Werbung & Co über Jahrzehnte hinweg konditioniert wurden und für die vor allem die jederzeitige Verfügbarkeit auch der exotischsten Lebensmitteln zur Selbstverständlichkeit geworden ist? 

Langbein: Ja, solange man ihnen nicht vor Augen hält, was mit diesem Obst und Gemüse alles passiert, das da quer über den Erdball transportiert wird, werden sie weiter kaufen. Mit welchen Gasen es behandelt wird, mit welchen Chemikalien es haltbar gemacht wird. Mit welchen gentechnischen Veränderungen es überhaupt zu so einem farbigen Gebilde wird, das mit dem ursprünglichen Produkt nichts mehr zu tun hat. Eine Schlüsselfrage ist sicherlich die Logistik. Es ist nicht möglich, dass eine ganze Stadt sich am Freitag um 15 Uhr zu einer zentralen Ausgabestelle begibt. Um noch einmal das Beispiel Südkorea zu bemühen: Hansalim hat unzählige schöne Geschäfte im Großraum Seoul, bestückt mit jeweils 2.000 Produkten. Alles frisch, regional. Und alles leistbar. Dorthin muss die Reise gehen. 

KONSUMENT: Zu einer kompletten Selbstkasteiung des Konsumenten muss es also nicht kommen?

Langbein: Überhaupt nicht. Es geht nicht um eine Verzichtslogik. Leute, die mehr Wert auf das Zusammenleben und das Miteinander legen, anstatt sich mit Konsumgütern scheinbar zu befriedigen, die verzichten ja auf nichts. Die haben ein reichhaltigeres Leben. Leute, die sich mit regionalen, frischen Produkten versorgen, verzichten auf gar nichts. Im Gegenteil: Sie haben ein besser schmeckendes, nahrhafteres Essen am Teller. Bei der Mobilität sehe ich es etwas anders. Da geht es doch auch um Verzicht. 

KONSUMENT: Ein schönes Zitat aus Zeit für Utopien: "Mein primäres Anliegen war immer der Respekt vor dem Konsumenten", sagt eine Qualitätsmanagerin einer französischen Tee-Genossenschaft, welche sich per Arbeitskampf von Lipton unabhängig gemacht hat. Ist dieser Respekt vielen Großkonzernen abhandengekommen?

Langbein: Konzerne haben nicht den primären Zweck, den Konsumenten zu respektieren, sondern Geschäfte zu machen. Und wenn sie das halbwegs schlau machen, dann beachten sie die Wünsche der Konsumenten ein wenig. Aber Respekt würde ich dazu nicht sagen. Ich glaube, dass in einer direkteren Form des Austausches so etwas wie Respekt wieder möglich wäre. Wenn die Produzenten wissen, für wen sie produzieren, und die Konsumenten wissen, wie die Produkte produziert werden, dann gibt es so etwas wie einen persönlichen Austausch. Und das ist ein wichtiger Bestandteil für ein bewussteres, besseres Leben. 

KONSUMENT: Fairphone hat bei seinem ersten Handy nicht einhalten können, was es ursprünglich versprochen hatte: dass es Ersatzteile zum Selbsteinbau geben wird – und zwar langfristig. Muss man als Konsument mit solchen jungen Unternehmen, die es, salopp gesprochen, gut meinen, mehr Nachsicht haben?

Langbein: Ich würde sagen, ja. Denn es ist ein unglaublich ambitioniertes Unterfangen, was Fairphone da an den Tag legt. Und sie gehen sehr offen mit den eigenen Fehlern um. Sie leugnen sie nicht, sie erklären sie. Das Problem mit der Verfügbarkeit von Ersatzteilen ist daraus entstanden, dass sie bei der geringen Stückzahl einfach niemanden mehr gefunden haben, der ihnen die Ersatzteile herstellt. Es liegt also auch am Konsumenten, ihnen eine bessere Position zu verschaffen, damit sie ihre Versprechungen einhalten können. Schlicht mit dem Kauf eines Fairphones. Fairphone hat sein Versprechen ja nicht ignoriert, sondern einfach noch nicht geschafft, es einzuhalten. Ebenfalls nicht geschafft hat Fairphone das Versprechen, bei den 54 Rohstoffen, die in dem Smartphone drin sind, wirklich faire Handelsbeziehungen herzustellen. Sie sind derzeit erst bei 6 Stoffen, bei denen die komplette Kette fair ist. Aber da ist ein unglaublicher Aufwand und viel Mut und Unerschrockenheit dahinter. Ein Pioniergeist, der honoriert werden sollte.

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