KONSUMENT.AT - Nachhaltigkeit: Gelebte Utopien - Verbesserungen statt Etiketten-Tausch

Nachhaltigkeit: Gelebte Utopien

Interview mit Kurt Langbein (Filmemacher)

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KONSUMENT 5/2018 veröffentlicht: 09.04.2018

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KONSUMENT: Da sind Auszeichnungen wie jene von Greenpeace, wonach nicht nur Fairphone, sondern auch der Multi Apple ökologische Smartphones herstellt, wohl eher kontraproduktiv?  

Langbein: Apple geht ja einen komplett anderen Weg. Erklärt am Beispiel Kobalt, das in den Smartphone-Batterien zum Einsatz kommt: Allein in Katanga, eine Provinz der Demokratischen Republik Kongo, die wir beim Filmdreh besucht haben, sind es 400.000 Menschen, die in handwerklichen Kobaltminen arbeiten. Unter gefährlichsten Arbeitsbedingungen. Kinderarbeit ist an der Tagesordnung. Apple sagt: Wir holen uns von dort kein Kobalt mehr, sondern wir gehen nach Australien in eine saubere Mine. Damit ist Apple fein raus. Fairphone hingegen sagt: Wir arbeiten an der Verbesserung der Arbeits- und damit der Lebensbedingungen der Menschen vor Ort. Damit sie sich eine menschenwürdige Existenz aufbauen können und die Kinder nicht in den Minen verkommen. Das sind doch grundsätzlich unterschiedliche Ansätze. Und es ist ein gutes Beispiel dafür, wie problematisch es ist, mit so einem äußerlichen Etikett zu agieren. 

KONSUMENT: In Zeit für Utopien fällt auch der Satz: "Ich möchte nicht mehr Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung." Wie kann jeder von uns, wie können Konsumenten das in die Tat umsetzen?

Langbein: Ich denke, dass wir alle einen viel größeren Handlungsspielraum haben, als wir bisweilen glauben. Wir können als bewusste Konsumenten natürlich die Industrie mit beeinflussen, verträglichere und bessere Produkte herzustellen. Wir können uns als Menschen aber auch zusammenschließen und für andere Produktions- und Austauschverhältnisse eintreten. Mit unserem Blick auf das Leben und mit der Bedeutung, die wir den Dingen beimessen, formen wir die Welt mit. Vor ungefähr 40 Jahren hat Erich Fromm "Haben oder Sein" geschrieben. Und seine Aussagen haben eigentlich nicht an Gültigkeit verloren. Wenn wir uns mehr auf das Sein beziehen und weniger haben wollen, leben wir besser und gestalten gleichzeitig auch unsere Welt besser. 

KONSUMENT: Was wäre eine Utopie die Sie gerne umgesetzt sehen würden?

Langbein: Meine Utopie ist tatsächlich eine, wo Wirtschaft und Gier voneinander getrennt werden. Wo Geldvermehrung nicht der Hauptzweck des wirtschaftlichen Handelns ist. Sondern wo es wirklich um Versorgung der Grundbedürfnisse der Menschen geht. Und Entscheidungsprozesse dezentral und basisdemokratisch erfolgen. Thomas Morus hat das Wort Utopie mit seinem Roman "Utopia" geprägt. Dort beschreibt er eine Gesellschaft, wo Eigentum nicht alles regiert, wo Gemeinschaftlichkeit ein zentrales Element ist. Wenn man so will, eine basissozialistische Gesellschaft. Ich denke, wir sind gut beraten, wenn wir uns vom dramatischen Scheitern des Kommunismus nicht mehr davon abhalten lassen, über eine sozial und ökologisch gerechte Welt nachzudenken.

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