KONSUMENT.AT - Swing Kitchen: „Wir wollen die Welt verändern“ - Generationen der Fleischalternativen

Swing Kitchen: „Wir wollen die Welt verändern“

Nachhaltiges Interview

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KONSUMENT 10/2019 veröffentlicht: 02.08.2019

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Woher beziehen Sie das Soja für die Pattys?
Irene: Das Soja für unser Granulat, das ist die Basis unserer Pattys, kommt Großteils aus Österreich, auf alle Fälle aus der EU.  
Charly: Wenn Joya (heimischer Hersteller von Frischeartikeln auf Sojabasis, Anm.) grad wieder ganz große Mengen aufkauft, dann erliegt der österreichische Markt. Dann müssen wir auf Bayern und Norditalien zurückgreifen.  
Irene: Der manchmal schlechte Ruf von Soja ist, was Speisesoja anbelangt, ja völlig unbegründet. Etwa 90 Prozent der weltweiten Sojaernte werden für Tierfutter verwendet. Da geht es um Raubbau am Regenwald. Lustigerweise bekommt man immer mal wieder von Fleisch essenden Leuten vorgehalten, dass man als Veganer am Raubbau des Regenwalds schuld sei. Das Gegenteil ist der Fall. Auch österreichische Schweine, mit AMA-Gütezeichen und Ähnlichen, werden mit Soja aus dem Regenwald gefüttert – genmanipuliert übrigens –, während Speisesoja in Europa hergestellt wird und garantiert GMO-frei ist (GMO steht für genetically modified organism, Anm.).  

Wie ist Ihre Einstellung zu Bio-Produkten?
Irene: Das ist uns wichtig, aber es hat nicht die oberste Priorität.  

Veganes („Fake-“) Fleisch liegt im Trend. Mittlerweile ist auch das große Geld damit zu verdienen. Die US-Firma Beyond Meat z.B. ist in New York an der Börse gelistet, gilt als heiße Aktie und hat Bill Gates und Leonardo DiCaprio als Investoren an Bord. Herr Schillinger, Sie haben ja eine Vergangenheit als Aktienbroker: Ist das Ihrer Meinung nach eine gute Entwicklung, wenn die Finanzhaie nun im Nachhaltigkeitsbecken schwimmen?
Charly: Daran ist nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Das ist das Allerbeste, was passieren kann, und es wird auch die Welt verändern. Da muss ich etwas ausholen: Man kann die Geschichte der Fleischalternativen in sechs Generationen einteilen. Die erste war vor Tausenden Jahren, als die Chinesen mit Tofu, Seitan, Tempeh usw. angefangen haben. Die nächste Generation fand man dann in den 1970er-Jahren in Taiwan. Die Taiwanesen haben sich dem American Way of Life verschrieben, waren und sind aber aus religiösen Gründen Vegetarier bzw. Veganer. Dort wurde in großem Ausmaß an Fleischersatz geforscht. Das ist vor ein paar Jahren zu uns herübergeschwappt in den Westen. Beyond Meat und andere Fleischersatz-Firmen profitieren enorm vom taiwanesischen Know-how. Und jetzt sind wir in der vierten Generation: Es sind schon die ersten Produkte am Markt, die verwechselt werden. Leute, die bei uns Nuggets essen, sind z.B. oft sehr verblüfft, wie das gehen kann, dass sie so nach echten Hühner-Nuggets schmecken. Die fünfte und sechste Generation werden wir in 10 bis 15 Jahren erleben: Wir und vor allem die Big-Player, die Sie angesprochen haben, werden in der Folge alles, wirklich alles vegan kopieren. Da gibt’s dann das Speck-Randl, die Scampi und den Kaviar. Alles höchst authentisch.  

Und was ist die Konsequenz für die Konsumenten?
Charly
: Ja, was passiert dann, wenn im Supermarkt das Schweinsschnitzel neben dem aus Soja liegt? Das eine ist gesünder, ethisch unbedenklich, viel ökologischer. Und auch billiger. Weil es in viel größeren Mengen produziert werden wird als jetzt, was die Produktionskosten senkt. Und weil auch die Subventionen für Fleisch ja früher oder später fallen werden. Und dann stehen wir vor der ganz großen Wende. Alles, was an Veganismus derzeit passiert, ist ja nur ein Mailüfterl. Der Trend kommt erst. Der kommt dann, wenn das Ganze im Supermarkt billiger ist und die Leute, die wir jetzt noch nicht erreichen, aus Kostengründen zu diesen Produkten greifen. Auch der ökologische Hebel wird dann richtig groß. Es kann sehr viel Agrarland gespart werden, das wieder aufgeforstet wird. Und die Bäume binden dann wieder CO2. Das kann ein schöner Kreislauf werden.   

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